Habgier und Angst

 

 

Sabine Etzold über das "Bordbuch" von Christoph Kolumbus

Das Bordbuch des Kolumbus sollte jedem zur Pflichtlektüre verordnet werden, der an der Schwäche leidet, historische Ereignisse zu "Sternstunden der Menschheit" zu stilisieren. Die Entdeckung Amerikas war ein mühsames, glanzloses, gewalttätiges und verlogenes Unternehmen. Bedrückend zu lesen ist dieser Rechenschaftsbericht eines Mannes, der, vielleicht weniger aus Habgier als aus Angst, die in ihn gesetzten Erwartungen nicht zu erfüllen, damit beginnt, das gefundene Paradies zu zerstören, es abzuholzen, abzubrennen und auszubluten.

"Gott gebe, dass ich ein reiches Goldlager entdecke, bevor ich zurück nach Spanien fahre", schreibt er sich die Angst von der Seele. Und da er die Reichtümer nicht findet, die er im Auftrag der Katholischen Majestäten für Spanien suchen soll, muss er in seinem Bericht beschönigen, erfinden und verschweigen.

Kolumbus' Bordbuch (nur dieses erste Tagebuch seiner vier Reisen ist erhalten) gehört wohl zu den verlogensten Dokumenten der Weltgeschichte. Gelogen wird schon in der Widmung, wenn er "den allerchristlichsten und mächtigsten Fürsten, den König und die Königin der spanischen Länder und der Inseln des Meeres, unsere Herren" dafür preist, dass sie ihn mit "für dieses Unternehmen sehr geeigneten Schiffen ausrüsteten". In Wahrheit waren diese Schiffe mehr oder weniger morsche Kähne, von denen eines schon bei den Kanarischen Inseln auszufallen drohte. Und um den Zustand der Mannschaft war es wohl nicht viel besser bestellt. Sabotage und Korruption behinderten schon den Beginn der Reise, dunkel deutet Kolumbus "gewisse Betrügereien und Machenschaften" an. Genaueres erfährt der Leser weder hier noch an einer anderen Stelle des Berichts.

Kaum eine Andeutung über die drohenden Meutereien an Bord. Um die rebellierenden Matrosen zu beschwichtigen, hält er sie im Unklaren über die tatsächlich zurückgelegte Strecke und macht ihnen Hoffnung auf großen Gewinn. Wenig Worte auch über die Ungeheuerlichkeit, dass sich der aufsässige Kapitän des Begleitschiffs Pinta, Martin Alfonso Piaszón, auf eigene Rechnung davonmachte.

Wenig Genaues über das Unglück der Einheimischen, die an Bord geschleppt wurden, um in Spanien als lebende Beute präsentiert zu werden.

Der enorme Erfolgsdruck, die Angst zu versagen und die offenkundigen Autoritätsschwierigkeiten geben den Aufzeichnungen des Kolumbus einen Unterton von Verzweiflung - besonders in den übertrieben euphorischen Passagen, in denen die Wunder des entdeckten Landes beschrieben werden: die überwältigende Landschaft und die den Eindringlingen unbegreifliche Freundlichkeit der Einheimischen. "Sie lieben ihren Nächsten wie sich selbst", schreibt Kolumbus und verrät zwischen den Zeilen immer wieder sein schlechtes Gewissen über den Umgang mit ihnen. Er wusste genau, wie grausam er mit ihnen verfuhr, wenn er ihnen auch noch die paar Dinge abnahm, die sie besaßen, wenn er sie von ihren Familien oder ihrem Stamm trennte, um sie auf die Schiffe zu bringen, und wenn er sie mit Fragen nach dem Ursprung vermeintlicher Schätze drangsalierte. Manchmal klingt tatsächlich eine Art von Scham darüber aus seinen Worten, "denn sie waren gutherzig und freigebig, während die Gier meiner Fahrtgenossen nicht zu stillen war". Angesichts der eigenen Schäbigkeit wird das schlechte Gewissen immer wieder damit beruhigt, dass man den bedauernswerten "Wilden" schließlich die Segnungen des Christentums bringe; Gott für Gold.

Verzweifelt hält Kolumbus auch an der Illusion fest, das entdeckte Land sei nicht weit vom Herrschaftsbereich des "Großen Khan", also China, entfernt. Denn wie für viele vor und nach ihm war auch für Kolumbus das vor mehr als zweihundert Jahren von Marco Polo bereiste China das Land seiner Hoffnung. Doch gegen Kolumbus und seine gierige Gefolgschaft war der berühmte Venezianer eher ein harmloser Rucksacktourist.

Vom sagenhaften Land des Großen Khan und von seinem Entdecker, dem freundlichen Handelsmann Marco Polo, war Kolumbus unendlich weit entfernt - zeitlich, räumlich und vor allem geistig.

Die Zeit, 10.6.1999

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