Jenö war  mein  Freund
von Wolfdietrich Schnurre

Als ich Jenö kennen lernte, war ich neun; ich las Edgar Wallace und Conan Doyle, war eben sitzen geblieben und züchtete Meerschweinchen.
Jenö traf ich zum ersten Mal in der Nähe des Stadions beim Grasrupfen; er lag unter einem Holunder und sah in den Himmel. Er kaute an einem Grashalm. Er drehte doch ein bisschen den Kopf zu mir hin und blinzelte schläfrig und fragte, ob ich Pferde habe. „Nee“, sagte ich,
„Meerschweinchen.“
Er schob sich den Grashalm in den anderen Mundwinkel und spuckte aus. „Schmecken nicht schlecht.“
„Ich esse sie nicht“, sagte ich; „dazu sind sie zu nett.“
„Igel“, sagte Jenö und gähnte, „die schmecken auch nicht schlecht.“ Ich setzte mich zu ihm.
„Igel-?“
Jenö sah wieder  in den Himmel und fragte, ob ich Tabak habe. „Hör mal“, sagte ich; „ich bin doch erst neun.“
„Na und -“, sagte Jenö; „ich bin acht.“  Wir schwiegen und fingen an, uns leiden zu mögen. Dann musste ich gehen. Aber wir machten aus, uns möglichst bald wieder zu treffen.
Und nach ein paar Tagen besuchte mich Jenö tatsächlich. Wir tranken Kaffee und aßen Kuchen zusammen. Vater machte ihm sogar ein Katapult aus echtem Vierkantgummi.
Als Jenö weg war, fehlte das Barometer über dem Schreibtisch. Ich war sehr bestürzt; Vater gar nicht so sehr.
„Sie haben andere Sitten als wir“, sagte er; „es hat ihm eben gefallen. Außerdem hat es sowieso nicht mehr viel getaugt.
„Und was ist“, fragte ich, „wenn er es jetzt nicht mehr zurückgibt?“
„Gott -“ sagte Vater, „früher ist man auch ohne Barometer ausgekommen.“
Als wir uns das nächste Mal trafen, hatte Jenö mir ein so herrliches Gegengeschenk mitgebracht, dass  es  unmöglich  war,  auf  das  Barometer  zurückzukommen.  Es  handelte  sich  um  eine Tabakspfeife, in deren Kopf ein Gesicht geschnitzt war.
Dann  wollte Jenö auf  Igeljagd gehen, denn das ist sehr interessant. Er hatte  oft bis zu vier Stück an einem Nachmittag harpuniert.
Besonders  Jenös  Großmutter  mochte  ich  gut  leiden.  Sie  war  unglaublich  verwahrlost,  das stimmt. Aber sie strahlte soviel Würde aus, dass man ganz andächtig wurde in ihrer Nähe. Sie sprach kaum; meist rauchte sie nur ihre Stummelpfeife und bewegte zum Takt der Lieder die Zehen.
Wenn wir abends mit Jenös Beute dann kamen, hockte sie schon immer am Feuer und rührte den Lehmbrei an. In diesen wickelten wir die Igel jetzt etwa zwei Finger dick ein. Darauf legte Jenö sie behutsam in die heiße Asche, und wir kauerten uns hin, schwiegen, spuckten ins Feuer und lauschten darauf, wie das Wasser in den Lehmkugeln langsam zu singen anfing. Nach einer halben Stunde waren die Igel gar. Jenö fischte sie aus der Glut. Man aß grüne Paprikaschoten dazu, sie waren wirklich lecker.
Aber auch bei uns zu Hause war Jenö jetzt oft. Am meisten hat er sich für meine elektrische
Eisenbahn interessiert; jedes Mal, wenn wir mit ihr gespielt hatten, fehlte ein Waggon mehr.
„Lass nur“, sagte Vater; „kriegst eine neue, wenn Geld da ist.“
Am nächsten Tag schenkte ich Jenö die alte. Aber merkwürdig, jetzt wollte er sie plötzlich nicht mehr.
Und dann haben sie eines Tages doch abgeholt; die ganze Bande; auch Jenö war dabei. Als ich früh hinkam, hatten SA und SS das Lager schon umstellt, und alles war abgesperrt. Jenös Leute standen  dicht  zusammengedrängt  auf  einem  Lastwagen.  Seine  Großmutter  und  die  übrigen Alten schwiegen; sie hatten die Lippen aufeinander gepresst und sahen starr vor sich hin. Ich war nur traurig, dass Jenö jetzt weg war. Denn Jenö war mein Freund.