Der Weihnachtsbaum

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Nadel-Attacke oder Kettensäge?
Weg mit dem Weihnachtsbaum!

Von der alle Jahre wiederkehrenden Schwierigkeit, den Christbaum aus der Wohnung zu schaffen.
Von Christian Mayer

Abschnitt 1:
Schon am Silvesterabend ist das Ding unglaublich lästig, weil es den torkelnden Gästen im Weg steht. Das Ding hat seine Schuldigkeit getan, es war ja auch mal recht ansehnlich, aber jetzt nadelt es nur noch. Es nadelt eigentlich seit Weihnachten. Oder vielmehr schon seit dem zweiten Advent.
Wahrscheinlich war es wieder mal der falsche Baum, die drehen einem auf der Theresienwiese immer alte Dinger an, die draußen in der Kälte kerngesund wirken, aber nach zwei, drei Tagen bei 20 Grad plus ihre Nadeln werfen. Längst sieht das Ding an einigen Stellen so kahl aus wie das Haupt des ehemaligen Schlagersängers Gildo Horn; es grenzt an ein Wunder, dass das Ding überhaupt noch Nadeln hat, bei dem Verfall, der uns die Vergänglichkeit allen Seins dramatisch vor Augen führt.
Schon wieder ein neues Jahr, und noch immer steht der Christbaum wie angewurzelt im Wohnzimmer, ein stummer Vorwurf. In den meisten deutschen Partnerschaften sorgt die Entsorgung des Baums für den ersten größeren Streit im Jahr. Man kommt da sehr schnell zu Grundsatzproblemen wie der richtigen Einstellung zu Familienfesten, zu Weihnachten und zur Mitarbeit im Haushalt.

Abschnitt 2: Der Versuch mit der Christo-Methode
Das Ding muss also definitiv weg, und mit ihm die ganze Romantik aus bunten Kugeln, Krippenfiguren und Sternen. Weihnachten wird in Kisten verpackt. Aber wohin mit dem Baum? Ist schon ein Problem, wenn man im vierten Stock einer Altbauwohnung auf der Schwanthaler Höhe wohnt, wo die Häuser keine Aufzüge haben und die liebe Frau W., unsere 84-jährige Nachbarin aus dem dritten Stock, beharrlich ihren Wäscheständer mit den ballonartigen Unterhosen im Zwischengeschoss aufbaut.
Am liebsten würde man das Ding einfach aus dem Fenster schmeißen, so wie in der Ikea-Werbung. Geht aber nicht. Erstens sind die Kippfenster zu klein. Und zweitens könnte es ja sein, dass gerade Frau W. nach ihrem Kneipenbummel im Hof steht und in den Nachthimmel schaut.
Endlich, das Ding ist abgeschmückt und aus dem Baumständer befreit. Es kann losgehen. Versuchen wir es mal mit der Christo-Methode. Wir wickeln das Ding in eine Malerfolie: Tannen-Mumie im Plastiksack. Die Folie ist etwas zu kurz, macht aber nichts, der Abtransport scheint zu gelingen. Wir binden die Zweige zusammen, damit wir mit dem Monster durch die Tür kommen.
Leider hat das Ding noch solche Kräfte, dass im entscheidenden Moment die Folie reißt und sich die Zweige recken und strecken, was zu einer weiteren Nadel-Attacke führt. Immerhin kommen wir mit einiger Mühe vor die Haustür, wo Herr S.-C., unser italienischer Hausmeister, der sich momentan wegen eines Rückenleidens leider nicht bücken kann und somit keine Hilfe ist, bereits die Augen verdreht.

Abschnitt 3: Das Versagen der Säge
Die Wohnung sieht aus wie das Bühnenbild einer naturalistischen Freischütz-Aufführung, Nadeln liegen überall, im Bücherregal, unterm Sofa, im Bett. Unsere Tochter Julina, knapp zwei Jahre alt, jubiliert und läuft aufgeregt durchs Wohnzimmer, sie glaubt wohl, sie stehe im Wald, aber sie hat schon den ganzen Dezember den Weihnachtsbaum regelrecht angebetet. Jetzt ist sie irritiert: „Alle?“, fragt sie bang. Ja, Weihnachten ist alle. 2005 ist alle. Das Ding muss weg.
Auch der Transport die vier Stockwerke abwärts hinterlässt eine nadelige Spur, Herr S.-C. holt schon mal einen Besen, „damit sie könne putze“. Unten im Hof, es ist inzwischen stockdunkle Nacht, stellt sich die entscheidende Frage: Sollen wir dieses nadelnde Monster etwa ins Auto packen und in den nächsten Wertstoffhof fahren? Kommt nicht in Frage! In der Zeitung stand ja, man könne den Baum in Einzelteile zerlegen und dann in der Biotonne entsorgen.
Superpraktische Idee, wir holen unsere alte Säge und versuchen einen Schnitt, ungefähr in der Mitte des Baumes, wo der Durchmesser aber immer noch acht Zentimeter dick ist. Mehrfach verrutscht die Säge, nach einer Viertelstunde weist der Stamm zwar Einkerbungen auf, aber wir sind nicht wirklich weiter. Herr S.-C. schaut noch mal nach dem Rechten: „Sie putze auch Hof nach Treppehaus?“
Um 22.30 Uhr sind die guten Vorsätze wieder mal dahin. Soll ihn doch der Teufel holen! Wir lassen den Baum erst mal im Hof stehen und warten, bis die letzte Nadel gefallen ist. Vielleicht hilft auch eine Kettensäge.

(SZ vom 5. Januar 2006)