Viel Lärm um fast nichts


Lies den folgenden Text sorgfältig! Am Schluss des Textes findest du 32 Multiple Choice Fragen. Wichtig für die Beantwortung sind die Erkenntnisse des Autors des Artikels oder der Autorin des beschriebenen Buches, ob sie nun wirklich zutreffen oder nicht. Diese Erkenntnisse und Meinungen brauchst du nicht unbedingt zu teilen.

 
1946 wurde der Bikini eingeführt -natürlich in Paris -, und sofort meldeten sich Kritiker zu Wort. Den einen war das bisschen Stoff zu sehr, den anderen zu wenig sexy: Orangenhaut und Fettpölsterchen törnen eher ab als an. Damit war dann aber Schluss, als die Bikini Heroine Ursula Andress in dem James-Bond-Film Dr. No ultimative Maßstäbe für weibliche Kurven setzte. Mode-Expertin Beate Berger hat Enthüllungsgeschichte geschrieben, und Burkhard Müller-Ullrich würdigt ihr Buch -und den umstrittenen Zweiteiler.
Schon erstaunlich, wie viel man über so wenig Stoff schreiben kann: ein ganzes Buch über das winzige Kleidungsstück, das unter dem absurden Namen «Bikini» Weltkarriere machte. Absurd war die Namensgebung, weil sie sich auf eine Militäroperation bezog, bei der 242 Schiffe, 156 Flugzeuge und mehr als 42 000 amerikanische Soldaten und Zivilisten zum Einsatz kamen. Aber absurd ist in der Modebranche vieles, wenn nicht alles, wobei man über dieses große Thema sicher noch viel dickere Bücher schreiben könnte. Denn dahinter steht natürlich eines der größten Themen überhaupt: das Vorzeigen des Körpers und die geschlechtliche Anziehungskraft
Beim Bikini trifft das mit einer vorher noch nie dagewesenen Direktheit zu. Schließlich dient dieses textile Etwas einzig und allein dem Zweck, die primären und sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale zu bedecken und gerade dadurch auf sie hinzuweisen. So hat Renate Berger in ihrer «Enthüllungsgeschichte» über den Bikini reichlich Gelegenheit, neben den Entwicklungen der Kleidermode auch jene von Sittlichkeit und Sexualität zu referieren, was dem Buch natürlich gleich eine gewisse soziologische Seriosität verleiht. Zunächst aber geht es um Weltgeschichte in einem ganz handfest-politischen Sinn.
«Bikini» heißt eines von 29 Atollen, die zu den Marshall-Inseln im westlichen Pazifik gehören. Kein Mensch siedelt mehr hier, denn die Erde ist radioaktiv verseucht, seitdem die amerikanische Luftwaffe 1946 hier ihre Atomwaffen getestet hat. Im Morgengrauen des 1. Juli explodierte «Gilda» - so hatten die Offiziere die erste Uranbombe der Nachkriegszeit getauft - in 150 Metern Höhe über der Lagune. Selbstverständlich war die Weltpresse voll von Berichten über das Ereignis. Das Wort «Bikini» war in aller Munde. Es wurde zum Inbegriff für Supermacht, Fortschritt und Gefahr.

«Wenige Tage später, am 5. Juli des Jahres
1946», schreibt Beate Berger, «detonierte in Paris eine Bombe ganz anderer Art.» Der Bademodendesigner Louis Ward hatte im Rahmen einer eigens inszenierten Miss-Wahl seine neue Kollektion präsentiert. Da sie selbst für französische Verhältnisse gewagt war, engagierte er Striptease-Tänzerinnen als
Mannequins. Schließlich sollten sie eine höchst skandalöse Kreation vorführen: einen Zweiteiler, der so viel Haut frei ließ, wie es die Modewelt noch nicht gesehen hatte.
Monsieur Ward brachte es in einem Interview kurz vor seinem Tod (er starb 1984 in Lausanne) auf den Punkt und verglich eine Frau im Bikini mit einem schön verpackten Geschenk: «Man will das Seidenband abmachen, die Schachtel öffnen und sehen, was drin ist.» Voilà - das ist der Grund, warum diese Couture-Idee, die Réard am 18. Juli 1946 zum Patent anmeldete, so ungemein erfolgreich wurde.
Übrigens scheint sie irgendwie in der Luft gelegen zu haben. Denn fast gleichzeitig, sogar noch ein paar Wochen früher, war sein Konkurrent, der Modeschöpfer Jacques Heim, mit einem ähnlichen Modell namens «Atome» hervorgetreten. Es war bloß etwas weniger schrill - und das war vielleicht sein Fehler. Aber die doppelte Bezugnahme auf das Militärspektakel im Pazifik zeugt vom Geist jener Zeit: ein zwischen Kriegsschrecken und Lebensgier changierendes Gefühl. Den ersten Bikini ließ Réard sogar mit Zeitungstexten bedrucken.
Doch wo Erregung ist, da ist auch Ärgernis -Das heikle Verhältnis von Scham und Öffentlichkeit, das der Bikini so dramatisch in Szene setzt, bestimmt seine Rezeptionsgeschichte von Anfang an. So gewaltig sich der PR-Erfolg ausnahm, so entschieden war der Widerstand - auch und gerade in der Modewelt. Eines der Leitmedien der Branche, die französische Zeitschrift Vogue, ignorierte den Réard-Coup auf der ganzen Linie. Lange verlor sie kein Wort über das freche Mieder. Sowohl in streng katholischen Ländern als auch im prüden Amerika schritt die Polizei ein, wenn am Strand Bikinis auftauchten. In einem Passauer Schwimmbad war die aufreizende Tracht noch im Jahr 1968 ausdrücklich verboten.
Die beinahe weltweite Verfemung hatte zwei gegensätzliche Gründe. Zum einen stellt die Entfesselung des Körperlichen eine Gefahr für jede Ordnung dar, weshalb weltliche und kirchliche Mächte gleichermaßen repressiv auf derartige Durchbrüche reagieren. Zum anderen führt eine nüchterne Betrachtung der physischen Gegebenheiten zu der Einsicht, dass die meisten Frauen durch den Bikini ästhetisch nichts gewinnen. Während es im einen Fall darum geht, das Aufreizende zu vermeiden, ist es im anderen Fall gerade das Abtörnende, das die Kritiker auf den Plan ruft.

In der Tat, wenn man die Bilder der ersten Bikini-Trägerinnen ansieht, heftet sich der Blick unwillkürlich an lauter bloßgestellte Makel: hier ein hervorquellendes Pölsterchen, dort ein nach aktuellen Standards keineswegs genügend straffer Schenkel. Victor Klemperer notierte voller Abscheu in seinem Tagebuch, was er im Sommer des Jahres 1948 am Ostseestrand zu sehen bekam: «Die pralle Hose, der Busenhalter, die eingequetschte Nacktheit dazwischen. »Jenes Naserümpfen über die weibliche Figur bedeutete unendliches Leid für die östrogenorientierte Hälfte der Menschheit - und zwar nicht zuletzt deshalb, weil diese Hälfte den verachtungsvollen Gestus teilte und noch immer teilt.
 

 

   Beate Berger weicht diesem prekären Punkt in ihrer Bikini-Geschichte keineswegs aus, im Gegenteil: Sie trifft mit einer sympathischen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor genau den richtigen Ton, um die aberwitzigen Selbstkasteiungen und die Modellierungsmaßnahmen darzustellen, die das Bikini-Schönheitsideal den Frauen auferlegt. Nicht von ungefähr war das Jahr 1959, in dem der minimalistische Schwimmdress endlich gesellschaftsfähig wurde, auch das Geburtsjahr der Barbie-Puppe.
Von wegen Schwimmdress: Natürlich ist der Bikini zum Schwimmen am allerwenigsten geeignet. Wer wirklich Wassersport treibt, trägt bis zum heutigen Tag Einteiler, bei denen nichts verrutscht. Doch für die Autorin ergibt sich damit die Gelegenheit zu einem kleinen Ausflug in die Kulturgeschichte des Badens. So gingen Männer und Frauen noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts eher vollbekleidet ins Wasser und dann auch nur, um zu plantschen. Geschwommen im eigentlichen Sinn wird erst seit wenigen Jahrzehnten.Ganz abwegig ist, dass eine professionelle Muscheltaucherin, die auch noch einen Dolch am Gürtel trägt, in einer Aufmachung wie einst Ursula Andress in dem James Bond-Film Dr. No den Meeresfluten entsteigt. Und doch hat diese Bikini-Heroine seit ihrem Kinoauftritt 1962 das Strand-Erscheinungsbild der abendländischen Weiblichkeit ultimativ präformiert. Athletisch, selbstbewusst und gertenschlank - das ist das Ideal, um dessentwillen High-Tech-Cremes und FitnessSlim Food und Epilierungswachs den Frauenalltag auch im Zeitalter der Emanzipation bestimmen. Als hübsch verpacktes Männergeschenk wollen sich die modernen Bikiniträgerinnen nicht mehr verstehen. Beate Berger untersucht in ihrem Buch als Chronistin die Vorlieben eines jeden Jahrzehnts. Sie erweist sie sich nicht nur als kompetente Sozialhistorikerin, sondern auch als ausgezeichnete Stilistin. Hilfreich war ihr dabei vor allem die gründliche Lektüre der deutschen Nachkriegszeitschrift Magnum, in der vorzügliche Autoren den Zeitgeist essayistisch reflektierten. Schon der Kampf mit den Korsagen, der die Fünfzigerjahre dominierte, verlangt nach Interpretation: die Panzerung der Frauen mit Hüftgürteln und gerüstartigen BHs, damit verbunden die grassierende Busenobsession, die nicht nur ein deutsches Phänomen, sondern als «mammary madness» auch in den USA bekannt war. (Berger macht dabei die treffende Beobachtung, dass der Männerjargon das Objekt der Begierde damals wie heute mit Begriffen aus der Automobilbranche belegt: Einst war von «Stossdämpfern» die Rede, mittlerweile von «Airbags».
Es ist klar, dass sich der Bikini erst nach dem Ende dieser Oberweiten-Fixierung durchsetzen konnte. Und dass später das Magermodell Twiggy zum Idol wurde, erscheint wie eine Revanche des Zeitgeists. Dazwischen lag die Entwicklung synthetischer Textilien, die sowohl für bessere Passform sorgten als auch eine bei Baumwoll- oder gar Wollstoffen unvorstellbare Farbvielfalt ermöglichten. Dazwischen lag auch jene Umwertung der Sexualität vom Zeugungsakt zum Lustgewinn, die in den späten Sechzigerjahren hochpolitische Züge annahm. Jedenfalls glaubten viele, dass die Verbesserung der Welt auch im Niederreißen der Schamschranken bestehe. Unter diesen Auspizien diente der Bikini sogar eine Weile als revolutionärer Kampfanzug.
Immerhin legt der Zweiteiler nicht irgendein Stück Epidermis frei, sondern die Bauchregion -«also genau jene Körperregion, um die sich schon immer die Mythen der Weiblichkeit rankten. Der weibliche Bauch, der Ort der Fortpflanzung, der Sexualität, gilt traditionell als Sitz der Gefühle. Jahrhundertelang war er nicht nur ein Objekt der Erotisierung, sondern auch der Dämonisierung». Symbolisiert wird dieser mythische Zusammenhang nicht zuletzt durch den Nabel, über den es, wie Beate Berger herausgefunden hat, noch so gut wie keine kulturhistorische Abhandlung gibt.
Doch was immer die Weltverbesserer und Gesellschaftstheoretiker an provokativern Körpereinsatz unternahmen, der Mode-Dandy Rudi Gernreich war ihnen mit dem «Monokini» ein paar Jahre zuvorgekommen. Im Sommer 1964 präsentierte der Österreich-Amerikaner diesen wohl albernsten Outfit der Weltgeschichte: einfach oben ohne. Besonders albern war wieder einmal die Namensgebung, denn der Bikini heißt ja nicht wegen seiner Zweiteilung Bi-Kini, Bikini bedeutet in der Sprache der zwangsumgesiedelten Einwohner von Bikini einfach: «Land der vielen Kokosnüsse».
Nach Burkhard Müller-Ullrich über „Bikini Eine Enthüllungsgeschichte“, 271 Seiten, Autorin: Beate Berger

 

     

Bei den folgenden 32 Fragen stehen jeweils drei mögliche Antworten. Nur eine ist die richtige oder die beste Antwort. Kreuze diese an. 31 und 32 richtige Antworten bedeuten „sehr gut“, 25 bis 28 richtige Antworten „gut“, 19 bis 22 richtige „genügend“.